Gelb als Farbe der Ausgrenzung

18 Nov 2021

Der gelbe Judenstern zur Zeit des Nationalsozialismus war keine neue Erfindung. Papst Innozenz III. verfügte 1215 auf einem Konzil, dass sich vor allem jüdische, aber auch muslimische Männer und Frauen durch ihre Kleidung von der christlichen Bevölkerung zu unterscheiden hätten. Diese Kennzeichnung sollte jeden über das Notwendige hinaus gehenden Kontakt einschränken und besonders Mischehen verhindern. In den einzelnen europäischen Ländern entstanden verschiedene Zeichen zur Unterscheidung, etwa ein wollener Ring, ein Rad, ein Streifen oder einfach ein Fleck, der auf die Kleidung genäht wurde; in Deutschland gab es schon seit 1180 den spitzen Hut mit abschließendem Knauf. Alle diese diskriminierenden Zeichen haben eines gemeinsam: sie sind gelb.
Mit der Farbe Gelb wurden die folgenden drei- bis vierhundert Jahre lang nicht nur die Juden und Jüdinnen gesellschaftlich ausgegrenzt, sondern auch das fahrende und bettelnde Volk sowie Prostituierte.

Kleider machen Leute

Im Spätmittelalter ermöglichte die Art und Farbe von Kleidung eine genaue Zuordnung, welcher Schicht jemand angehörte: je größer der Aufwand und Prunk, desto bedeutender waren Rang, Macht und Ehre. Bauern wurde häufig vorgeschrieben, nur billige graufarbene Stoffe zu verwenden; auch das Stadtbürgertum sollte sich in vielen Fällen nur bis zu einem gewissen Maß mit Seide, Juwelen und anderen teuren Accessoires schmücken. Verstöße wurden mit teilweise beträchtlichen Geldbußen geahndet, konnten aber nicht verhindern, dass das aufstrebende Bürgertum den Adel immer mehr nachahmte und die gesellschaftliche Zugehörigkeit immer schwerer zu bestimmen war. Sogar Mönchen und Nonnen musste die Kirche immer wieder Vorschriften erteilen, keine Pelze, gold- und silbergeschmückte Gürtel und bunte edle weltliche Gewänder zu tragen. Die hohe Zahl an städtischen wie kirchlichen Kleiderordnungen lässt auf fortwährende Übertretungen rückschließen.
Neben der jüdischen Bevölkerung wurden besonders Prostituierte durch diese Kleiderordnungen sichtbar gemacht und gesellschaftlich ausgeschlossen. In Wien etwa geschah dies durch ein gelbes Tüchlein, von einer Hand breit und einer Spanne lang an der Achsel, in Leipzig durch ein langes gelbes Band, in Meran durch ein gelbes Fähnchen am Schuh. Manchmal konnten es auch andere Farben sein: in Köln ein roter Schleier, in Straßburg ein Schleier mit zwei Finger breitem grünen Strich. Auch wenn es in den einzelnen Ländern und Städten durchaus Unterschiede gab, wurde in erster Linie die Farbe Gelb zur Ausgrenzung eingesetzt.

Warum gelb?

Im wesentlichen gibt es drei Theorien, warum die Farbe Gelb verwendet wurde. Am häufigsten wird die Meinung vertreten, dass zwischen einem kräftigen Rotgelb, das Licht und Freude vermittle, und einem fahlen Grüngelb unterschieden worden sei; dieses kalte, blasse und negativ besetzte Gelb habe die gesellschaftlichen Randgruppen gekennzeichnet. Andererseits galt Gelb seit der römischen Kaiserzeit als die galante, die erotische Farbe; die Kirche habe in ihrer Ablehnung der Erotik deshalb das Gelb, vor allem das Schwefelgelb, dem Teufel und allem Sündhaften zugewiesen. Es könnte aber auch sein, dass die Farbe Gelb im Gegensatz zu den anderen Farben, die bestimmten Gruppen zugeordnet waren wie vor allem Rot den herrschenden Schichten, keine besondere Bedeutung hatte und als sozusagen freie Farbe herangezogen wurde.

Scheinheiligkeit

Es wird erzählt, dass, als im 15. Jahrhundert das Konzil von Basel tagte und hunderte geistliche Würdenträger in der Stadt weilten, keine gelben Stoffe mehr erhältlich waren. Bei so manchem kirchlichen wie weltlichen Großereignis scheinen ebenso viele Prostituierte wie restliche Teilnehmer anwesend gewesen zu sein. Obwohl Prostitution verdammt und an den Rand gedrängt wurde, wurde sie doch in allen Schichten in Anspruch genommen und erwies sich obendrein als äußerst einträglich.
Viele Städte hatten eigene Gebäude mit registrierten Prostituierten. Diese sogenannten Frauenhäuser wurden von der Frauenwirtin oder dem Frauenwirt geführt, die teils von den Stadtobrigkeiten auf ihre Ämter vereidigt wurden und oft beträchtliche Abgaben und Zinsen zahlen mussten. Hatten öffentlich geduldete Prostituierte in städtischen Frauenhäusern noch einen gewissen Schutz, so waren fahrende und freie Prostituierte schutzlos ihren Freiern ausgeliefert. In Innsbruck befand sich das Frauenhaus vermutlich in der Schlossergasse; am Ende des 16. Jahrhunderts wurde es wie viele andere geschlossen, unter anderem wegen der in ganz Europa auftretenden Syphilis.

Christian Kayed, Innsbruck, http://www.storyguide.at

Literatur:
Alltag im Spätmittelalter. Hrsg. von Harry Kühnel. Graz – Wien – Köln 1984 Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung. Hrsg. von Harry Kühnel. Stuttgart 1992
Frauenleben in Innsbruck. Hrsg. von Ellinor Forster, Ursula Stanek, Astrid von Schlachta. Innsbruck 2003